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Was ist Draht-Art?                                                       ( im Sommer 2000)

 

Eigentlich ist das Ganze aus purer Langeweile entstanden. Als ich während meines Bundeswehrdienstes mal wieder auf die Funkgeräte aufpassen musste, hatte ich nichts anderes zur Hand als Werkzeug und ein paar Rollen Kupferdraht.

Da ich schon immer ein sehr kreativer Mensch war, baute ich meinen ersten Hubschrauber aus Draht. Dabei stellte ich fest, dass Kupferdraht ein wunderbarer Werkstoff ist. Also begann ich, weitere Flugmodelle zu bauen. Ein Zeppelin, ein Flugzeug und ein Heißluftballon kamen hinzu und schon hatte ich ein hübsches Mobile.

Bald entwickelte sich aus einer einstigen Überbrückung der Langeweile eine echte Leidenschaft. Immer mehr Modelle entstanden mit der Zeit, die nach der Fertigstellung bemalt wurden. Doch als ich mein erstes Motorrad aus Kupferdraht hergestellt hatte, passte die Bemalung nicht mehr so recht zum Objekt. Die überall sichtbaren Lötstellen gaben dem Motorrad einen ganz eigenen Charakter, was sich bei den nachfolgenden Kunstwerken bis heute durchgesetzt hat.

Ein paar Jahre später erhielt ich durch Zufall eine Tiffany-Ausrüstung, womit ich mich dann etwa drei Jahre intensiv beschäftigte, so dass das Heim meiner Familie und mir heute fast ausschließlich mit Lampen ausgestattet ist, die selbst angefertigt und natürlich eigene Kreationen sind.

Die Vorliebe zum Draht ließ mich jedoch nicht los und holte mich wieder ein. So begann ich, verschiedene Skulpturen wie Musikinstrumente, Kugelbahnen, Kreisel oder Fahrzeuge aller Art herzustellen. Als Grundplatte, auf denen die Werke befestigt sind, dienen Schiefer,Holz oder Marmorplatten, was das Gesamtbild unterstreicht. Wenn ich mit dem Bau meiner Objekte beschäftigt bin, vergesse ich die Zeit,und vor allem in den Endphasen lässt mich meine Arbeit nicht mehr los. Jede freie Minute wird dann genutzt, um mein Werk zu vollenden.

Um die sehr filigran gebauten Gebilde zu schützen, bekommen sie selbstgebaute Glashauben. Diese betonen die Ästhetik der Skulpturen zusätzlich, da sich die Glasflächen an den Verlauf der jeweiligen Skulptur individuell anpassen. Dadurch entsteht aus Drahtobjekt, Grundplatte und Glashülle eine Einheit, die beim Betrachter einen harmonischen Gesamteindruck hinterlassen soll. Wie zum Beispiel ein Violinschlüssel, der eine Haube mit drei Seitenwänden hat, an der allerdings keine Naht gerade ist, da alle Flächen außer der Grundplatte schiefe Ebenen sind.

Die Liebe zum Detail faszinierte mich immer mehr, und ich baute zum Beispiel ein Fahrrad von 25 Zentimeter Länge mit funktionalem Kettenantrieb, drehbaren Pedalen, klappbarem Ständer und Gepäckträger und der Möglichkeit es zu rollen und zu lenken.

Vor ein paar Jahren hatte ich dann die Idee, Kugelbahnen zu konstruieren, wobei die erste eine etwa 2,5 Zentimeter große Kugel besaß und mit rund 2,5 Millimeter starkem Kupferdraht in einer recht "rustikalen" Bauweise entstand.

Heute lege ich großen Wert auf ein ästhetisches Gesamtbild verbunden mit faszinierender Mechanik und ausgefallenen Extravaganzen. Jede hat ihre ganz besonderen Eigenheiten. Mal wird ein Stein gedreht, mal eine neue Kugel unterwegs ausgelöst, oder eine Weiche sorgt für den richtigen Weg. Fast immer aber überfällt den Betrachter die Neugierde, wie die Kugel ihren Weg findet. Manchmal ertappt der Betrachter sich sogar dabei, das Bedürfnis zu empfinden, mit der Kugel mitzurollen.

Da ich selbst gern spiele, möchte ich mit meinen Konstruktionen die Freude am Spiel und die Phantasie des Betrachters ansprechen. Ich möchte, dass man meine Objekte gebrauchen und begreifen will. Allerdings sind diese "Spielzeuge" nicht für Kinder gedacht, sondern sie sind doch eher als Erwachsenenspielzeug zu betrachten. Durch die Vielzahl von Verstrebungen bekommen alle Objekte zwar eine erstaunliche Stabilität, dennoch könnte eine versehentlich abgestützte Hand alles sofort zerstören.

In der Regel sind alle Objekte aus der Phantasie entstanden und haben keiner Planung bedurft. Nur die Vorstellung ist im Kopf. Erst bei der Umsetzung entwickelt sich manches Kunstwerk zu dem, was es später ist. Die Möglichkeit, die besonders Kupferdraht bietet, um Vorstellungen und Ideen eine Form zu geben, sind äußerst vielfältig, und es ergeben sich immer wieder neue Formen. Daher erscheint mir der Begriff "Drahtart" sehr treffend.

 

Ernst Heye